Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz

Kategorie Archiv: Aktivitäten – AGs – Gedenk-Arbeit


Auschwitz, 27.1.1945, Der Tag der Befreiung

(SMU, 28.01.2020) Die Schülerinnen und Schüler der 12 jahrgangsstufe erinnerten in einer beeindruckenden Gedenkveranstaltung an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Im 10. Schuljahr waren die meisten der Jahrgangsstufe bei den Tagen der Orientierung für eine Woche in Oswiecim und Krakau. Dort sammelten sie nachhaltig Eindrücke von den grausamen Taten, die in der industriellen Vernichtungsmaschinerie von Auschwitz geschehen sind.

 

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„Als du aus dem Zug stiegst,

wusstest du gleich,

dass die Welt nicht mehr da war,

sich abgekehrt hatte,

geblieben war bloß ein gigantisches Grau!

Man knüppelte dich nach links, rechts war der Tod.

Man entkleidete dich deiner Menschlichkeit,

du wurdest zu einer Nummer.

Lily Brett

 

Ruth Webber, eines der Kinder, die am 27.1.1945 befreit wurden:

„Ich weiß noch, wie wir in Auschwitz in der Baracke saßen und uns überlegt haben, was wir den Deutschen antun würden. Aber dann sagten wir uns: Wenn wir das täten, dann wären wir genauso schlimm wie sie.“

 

Die Erinnerung an die Toten wurde abgeschlossen durch das jüdische Totengebet „Kaddish“.

 

Im Anschluss daran rief Simeon Stammberger in einer eindrucksvollen Rede dazu auf, aus der Vergangenheit zu lernen und verantwortungsvoll die Zukunft zu gestalten. Hier der Text seiner Rede:

Wie kein anderer steht der Name Auschwitz heute stellvertretend für die Grausamkeiten und den Terror des Nationalsozialistischen Regimes. Über eine Millionen Menschen fanden dort in einem Zeitraum von nur etwa fünf Jahren unter schlimmsten Bedingungen den Tod. Durch Mangelernährung, Krankheiten, Gewaltausbrüche des Wachpersonals und pseudowissenschaftliche Experimente, aber vor allem den industrialisierten Massenmord in den Gaskammern. Der Großteil, der aus ganz Europa stammenden Opfer waren Juden, aber auch Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Kriegsgefangene, Kranke, Behinderte und  Oppositionelle wurden von den Nationalsozialisten mit ihrer verbrecherischen, verblendeten Ideologie zu Feinden erklärt und verfolgt, ihrer Menschenwürde beraubt, gequält und umgebracht. All das aus der Überzeugung heraus, das Leben mancher Menschen sei mehr wert als das anderer.

Die Soldaten der Roten Armee konnten heute vor 75 Jahren nur noch einige wenige der Gefangenen retten. Von den 60.000 Menschen, die im Lagerkomplex Auschwitz noch kurze Zeit zuvor gelebt hatten, waren lediglich knapp 7.000 zurückgelassen worden. Der große Rest wurde, wie von so vielen anderen Lagern aus auch, von der SS auf Todesmärsche gezwungen, wo viele von ihnen an Entkräftung, Hunger und Unterkühlung starben oder hingerichtet wurden.

1996 erklärte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den heutigen Tag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, von den Vereinten Nationen wurde dieser Termin 2005 übernommen.

75 Jahre sind weniger als die durchschnittliche Lebenserwartung hier in Deutschland. Und doch gibt es Menschen, die schon lange argumentieren, es reiche doch langsam auch mal mit der Gedenkkultur. „Einen Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“, nannte der AfD-Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland die Zeit der Nationalsozialistischen Herrschaft. Dem gegenüber steht die Erklärung des Bundespräsidenten in der es heißt: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muß auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“.

Und daraus erwächst ein Auftrag für uns, als junge Generation, als Zukunft dieses Landes. Der Antisemitismus steckt noch immer in den Köpfen der Menschen. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit der Universität Bielefeld stimmen 40% der Befragten antisemitischen Äußerungen zu. Man wirft den Juden vor, sie nutzten aus, was ihnen damals Schreckliches widerfahren ist oder man versteckt den Hass hinter Kritik an der Politik Israels. Die Anonymität des Internets gibt Menschen das Gefühl, ihren Anfeindungen ungestraft freien Lauf lassen zu dürfen. Vielleicht ist unsere Demokratie nicht akut in Gefahr, aber aus unserer Vergangenheit heraus sind wir gemahnt, wachsam zu bleiben.

Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert sagte bei seiner Rede zum heutigen Anlass vor fünf Jahren: „Für die schreckliche Vergangenheit unseres Landes sind die Nachgeborenen nicht verantwortlich, für den Umgang mit dieser Vergangenheit aber schon.“ Das Erinnern ist nicht nur Selbstzweck, es soll uns auch zur Vorsicht mahnen, in einem Land, in dem Demokratie und Minderheitenschutz schon einmal entschieden versagt haben. Und diese Vorsicht ist auch im Alltag eines jeden von uns gefragt, denn da beginnt die Verharmlosung. Was wir auf den ersten Blick vielleicht nur als dummen Scherz wahrnehmen, aus Freude an der Provokation und Gedankenlosigkeit, verschiebt Schritt für Schritt eine Grenze. Und das birgt die Gefahr, dass aus tolerierten Worten tolerierte Taten werden.

Wir müssen also heute unsere Stimme erheben, damit nicht morgen die Stimmen der Gerechtigkeit und der Achtung der Menschenwürde verstummen.“

Hadamar-Workshop2020_03

Ein Workshoptag in Hadamar

Hadamar-Workshop2020_01(SMU, 16.01.2020) Die Schülerinnen und Schüler der 12. Jahrgangsstufe verbrachten am Donnerstag, den 16.01.2020 eine Tag in der Gedenkstätte in Hadamar.

Hadamar war in den Jahren 1941/42 ein Puzzlestück im Netzwerk der sogenannten T4-Aktionen.

Hadamar war eine Tötungsanstalt, in der in den genannten Jahren in zwei Phasen 15 Tausend Menschen umgebracht wurden.

Menschen, denen aufgrund ihrer vornehmlich psychischen Erkrankungen, das Lebensrecht abgesprochen wurde, kamen nach Hadamar und wurden in der ersten Mordphase direkt nach der Ankunft in den berüchtigten grauen Bussen ins Gas geschickt und getötet. Anschließend wurden die Leichen verbrannt.

So wurden innerhalb von einem dreiviertel Jahr zehntausend Menschenleben ausgelöscht.

Eine Reihe von Predigten, die der Bischof von Münster Graf von Galen hielt, führten dazu, dass dieses grausame Euthanasie-Programm des NS-Regimes öffentlich wurde.

Die Machthaber waren zunächst gezwungen, das Programm einzustellen.

Nach einer gewissen Zeit hat man dann die Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ in anderer Weise wieder aufgenommen: In der zweiten Phase wurden die Patienten der Landesheilanstalt schließlich durch Hunger und Überdosierung von Medikamenten getötet.

Hadamar-Workshop2020_04Dieser Tötungsart sind schließlich rund 5000 Menschen zum Opfer gefallen.

Die SuS wurden in einer interaktiven Führung durch die Gedenkstätte mit diesen historischen Fakten konfrontiert. Dabei kamen schon während der Führung Fragen auf, die später in den Gruppenarbeiten eine wichtige Rolle spielen sollten.

Nach der Mittagspause hatten die SuS eine große Anzahl von Täter-/Opfer-Biographien mit den entsprechenden historischen Dokumenten zur Verfügung.

Sie sollten damit in Kleingruppen ihre persönliche Begegnung mit dem Ort und den Biographien darstellen.

Ein paar Ergebnisse sind hier abgebildet.

Nach der Vorstellung der Gruppenergebnisse würdigten die SuS in einer ausführlichen Feedback-Runde den Tag in äußerst positiver Weise.

 

 

 

 

Hadamar-Workshop2020_02Textcollage erstellt von Lara Hundorf und Julius Bendel

„Sonntag ist wieder einmal und ich benutze die Zeit, meinem Mädel zu schreiben. Es ist meine einzige Erholung, das kannst du mir glauben, denn meine Gedanken weilen ja immer bei dir.“

Paula Bottländer, kam am 9. Mai 1941 nach Hadamar und wurde noch am selben Tag in der Gaskammer der Tötungsanstalt ermordet.

http://www.gedenkstaette-hadamar.de/webcom/show_article.php/_c-1149/i.html

 

„(und ich sagte schon:) sie schlafen, essen, trinken, sind unrein, erschlagen zuweilen Kranke; das ist das einzige, was die Leute vom Leben haben.“

Adolf Wahlmann, in den Jahren 1942 bis 1945 war Dr. Wahlmann der einzige Arzt in Hadamar.

http://www.gedenkstaette-hadamar.de/webcom/show_article.php/_c-1168/_nr-1/_lkm-1415/i.html

 

Hadamar-Workshop2020_05„… hier handelt es sich um Menschen, unsere Mitmenschen, unsere Brüder und Schwestern. Arme Menschen, kranke Menschen, unproduktive Menschen meinetwegen. Aber haben sie damit das Recht auf das Leben verwirkt?“

August Graf von Galen, Bischof von Münster

http://www.galen-archiv.de/index.php?option=com_content&view=article&id=4&Itemid=6

 

„Doch ich will die Hoffnung nicht ganz aufgeben, wenn es das Schicksal will, kommt auch für mich einmal wieder eine andere Zeit.“

Paula Bottländer

 

„Allgemein herrscht der an Sicherheit grenzende Verdacht, dass diese zahlreichen unerwarteten Todesfälle von Geisteskranken nicht von selbst eintreten, sondern absichtlich herbeigeführt werden.“

Hadamar-Workshop2020_06August Graf von Galen

 

„Jetzt muss ich für heute schließen. Ich freue mich jetzt schon auf deinen Brief,“

Paula Bottländer

 

„Es dauerte ungefähr 30-40 Minuten, bis eine Leiche verbrannt war. Es wurde tags und nachts gearbeitet, bis die Leichen weg waren.“

Hubert Gomerski, „Brenner“ in der ersten Mordphase in Hadamar.

http://www.gedenkstaette-hadamar.de/webcom/show_article.php/_c-1168/_nr-5/_lkm-1418/i.html

 

 

 

Stolpersteine für Albert und Billa Kahn – Eine Dokumentation gegen das Vergessen (Deu / Eng)

 

Deutsche DokumentationEnglish documentation     

 

(BEU, 05.01.2020) Ende Oktober 2019, ein regnerischer Tag in Montabaur. Wir müssen zuerst eine Mülltonne auf die Seite stellen, bevor wir uns neben zwei unscheinbar wirkenden Messingplatten auf den Boden knien können. Eine symbolische Geste, denn die Personen, deren Namen hier eingeprägt sind, leben schon lange nicht mehr: Albert und Billa Kahn[i] wurden nach jahrelanger Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Treblinka ermordet. Wann und unter welchen Umständen ist nicht bekannt; für tot erklärt wurden sie, wie viele andere Juden mit ungeklärten Schicksalen auch, am 8. Mai 1945, dem Tag der deutschen Kapitulation.

Wir sind zum alljährlichen Stolpersteine-Pflegen in den Vorderen Rebstock[ii] gekommen, den Ort, an dem die Familie Kahn zuletzt freiwillig gelebt hat. Nachdem der Stadtrat von Montabaur nach einem ersten abgelehnten Antrag im Jahr 2011 doch noch die Verlegung von Stolpersteinen genehmigt hatte, übernahmen die Heinrich-Roth-Realschule, die Anne-Frank-Realschule, das Mons-Tabor-Gymnasium und das Landesmusikgymnasium Patenschaften zur Pflege der Gedenkplatten und damit eine Verpflichtung zur aktiven Erinnerungsarbeit, der wir heute nachkommen.

Während die Paste einwirkt, mit der wir die Platten eingerieben haben, sitzen wir einige Meter entfernt auf einer Bank[iii] und schauen Unterlagen aus dem Stadtarchiv durch, die uns nähere Auskunft über das Leben der Familie Kahn in Montabaur geben.

Solche direkten Hinweise zu Menschen zu finden, die der Judenverfolgung zum Opfer gefallen sind, ist gar nicht so einfach, denn nur wenige Dokumente zur ehemaligen jüdischen Gemeinde von Montabaur sind der Vernichtung entgangen: Die Gemeinde-Akten selbst gingen wahrscheinlich bei der „Reichskristallnacht“ in Flammen auf, die Akten der NSDAP-Gliederungen wurden am Kriegsende – wie auch einiges private belastende Material – zur Verwischung von Spuren vernichtet. Im Stadtarchiv gibt es eine derartige Lücke der Überlieferung, dass der Verdacht einer planmäßigen Säuberung der Archivalien am und nach Kriegsende naheliegt. Und auch Informationen oder Dokumente von Zeitzeugen oder deren Nachfahren waren und sind nur sehr spärlich zu erhalten.

Und doch lässt sich wie aus verstreuten Puzzlestücken das Leben und der Tod der Personen rekonstruieren und dokumentieren, für deren Gedenken diese Stolpersteine verlegt sind, die nach unserem Putzen[iv] im neuen Glanz erstrahlen und die Passanten zum Nachdenken auffordern sollen:

 

Albert Kahn wird am 10. März 1874 in Montabaur als Sohn von David und Adelheid Kahn (geb. Wolf) in Montabaur geboren[v]. Er hat einen Zwillingsbruder, Louis, der aber schon ein halbes Jahr später stirbt. 1880 wird er an der Volksschule eingeschult[vi] und macht nach dem Schulabschluss eine kaufmännische Lehre.

1907 heiratet er Sybilla („Billa“) Wolff, geboren in Kobern an der Mosel am 26. März 1882 als Tochter von Isaak und Helene Wolff (geb. Mayer).

Mit ihren Kindern Erna (*1908), Ernst (*1910) und Werner (*1916) wohnen sie in ihrem eigenen Haus am Vorderen Rebstock 24, wie die Hausliste von 1917[vii] zeigt.

Die Familie Kahn gehört der Jüdischen Gemeinde von Montabaur an, die 1933 mit 72 Mitgliedern neben den wenigen Protestanten eine kleine Minderheit in katholischer Umgebung bildet. Albert Kahn ist in diesen Jahren sogar Vorstand der Gemeinde.

Uns fällt auf: beide sind 1926 im „Einwohnerbuch[viii] für den Westerwald“ als Geschäftsleute eingetragen, besitzen sogar einen von vielleicht gerade einmal 100 Telefonanschlüssen, die es zur damaligen Zeit in der Stadt gibt.

Die jüdischen Montabäurer sind in dieser kleinstädtischen Welt Nachbarn, Schulkameraden, Freunde. Sie sind Mitglied im Turn- und im Karnevalsverein, bei der Freiwilligen Feuerwehr, im Gesangverein und als angesehene Geschäftsleute auch im Stadtrat.

Wenige Jahre später jedoch hatten schon etliche jüdische Montabäurer die Konsequenzen aus den Diskriminierungen durch nationalsozialistische Gesetzgebung und nationalsozialistische Gesellschaft gezogen und waren ausgewandert. Aber erst die nicht für möglich gehaltenen Schreckensszenen der Reichskristallnacht im November 1938 und die anschließende unmenschliche Behandlung im Konzentrationslager Buchenwald hatten Albert Kahn die Illusion geraubt, dass die Nazi-Herrschaft bald wieder vorbei sein müsse, und dass er als ehemaliger Frontkämpfer des Weltkriegs mit seiner Familie vor den schlimmsten Auswüchsen der Judenverfolgung geschützt sei. Er bereute bitter, seinen Söhnen viel zu lange von der Auswanderung abgeraten zu haben.

Anfang 1939 müssen Albert und Billa Kahn wie alle von den Nationalsozialisten als Juden angesehenen Deutschen ihren Vornamen durch „Israel“[ix] für die Männer und „Sara“[x] für die Frauen ergänzen. Und wieder ein Jahr später müssen sie zu Alberts Bruder Leopold umziehen, der einige Häuser weiter wohnt. So erleben sie aus nächster Nähe, wie ihr eigenes Haus vermietet wird und die Miete ab Januar 1940 auf ein Sperrkonto[xi] fließt, auf das die Familie Kahn keinerlei Zugriff mehr hat. Letztlich muss das Haus verkauft werden, jedoch zu nur 45% seines Wertes.

Im selben Jahr noch werden die letzten acht verbliebenen Juden aus Montabaur, darunter Albert und Billa Kahn, zur Zwangsarbeit nach Friedrichssegen bei Lahnstein verpflichtet und damit zum Umzug[xii] gezwungen. Bei Friedrichssegen befindet sich das Ghetto und Zwangsarbeitslager der letzten Juden im Westerwald-Lahn-Bereich, in dem die Eheleute das nächste Jahr verbringen werden, bevor sie am 1. September 1942 nach Theresienstadt und einige Wochen später ins Vernichtungslager Treblinka deportiert werden. Die Transportliste[xiii] des Zuges ist der letzte Ort, auf dem der Name der Eheleute auftaucht.

Aus wenigen Dokumenten können wir die persönliche und gesellschaftliche Tragödie nachvollziehen, der Albert und Billa Kahn zum Opfer gefallen sind. Wir sind schockiert, dass ein Menschenleben so entwürdigt werden kann, wie es selbst im beschaulichen Montabaur 25 Menschen bis zum Tod erleben und erleiden mussten.

Und das Schicksal ihrer Kinder ist genau so bedrückend: Erna stirbt mit Mann und Tochter im Konzentrationslager, Werner und Ernst müssen aus Deutschland fliehen, ihre Eltern zurücklassen und sich eine ganz neue Existenz[xiv] aufbauen.

Damit es nie wieder so weit kommt rufen wir dazu auf, in Montabaur oder den vielen anderen Städten, in denen Stolpersteine[xv] verlegt sind, auf diese kleinen Mahnmale zu achten, hinter denen so viele furchtbare Schicksale und zerstörte Menschenleben stecken.

 

[i]     

Albert und Billa Kahn

Photo 1: Albert und Billa Kahn

[ii]    

Photo 2: Vorderer Rebstock

Photo 2: Vorderer Rebstock

[iii]   

Photo 3: Arbeitsgruppe (L. Brüggemeyer, S.-M. Kemnitzer, R. Wiesend, C.P. Beuttenmüller)

Photo 3: Arbeitsgruppe (L. Brüggemeyer, S.-M. Kemnitzer, R. Wiesend, C.P. Beuttenmüller)

[iv]   

Photo 4: Putzen

Photo 4: Putzen

 
 

[v]    

Photo 5: Geburtsanzeige

Photo 5: Geburtsanzeige

 

[vi]   

Photo 6: Einschulungsvermerk

Photo 6: Einschulungsvermerk

 

[vii]   

Photo 7: Hausliste

Photo 7: Hausliste

 

[viii]  

Photo 8: Einwohnerbuch

Photo 8: Einwohnerbuch

 

[ix]   

Photo 9: Namenszusatz Israel

Photo 9: Namenszusatz Israel

 

[x]    

Photo 10: Namenszusatz Sara

Photo 10: Namenszusatz Sara

 

[xi]   

Photo 11: Sperrkonto

Photo 11: Sperrkonto

 

[xii]   

Photo 12: Abmeldekarten für Albert und Billa Kahn

Photo 12: Abmeldekarten für Albert und Billa Kahn

 

[xiii]  

Photo 13: Transportliste

Photo 13: Transportliste

 

[xiv]  

Photo 14: Die Kinder von Albert und Billa Kahn

Photo 14: Die Kinder von Albert und Billa Kahn

 

[xv]   

Photo 15: Die Stolpersteine für Albert und Billa Kahn

Photo 15: Die Stolpersteine für Albert und Billa Kahn

 

 

 

 

Deutsche DokumentationEnglish documentation     

 

The “Stolpersteine” (Tripping Stones) for Albert and Billa Kahn  –  a Documentation

Late October 2019, a rainy day in Montabaur. We need to move a garbage can before we can get to two nondescript brass plates. Kneeling down to them to maintain them is a symbol, the people whose names are engraved there have already been dead for a long time. After years of persecution, Albert and Billa Kahn[i] were murdered in Treblinka. Neither their exact date of death is known nor the circumstances, under which they died. As many other Jews with unknown fates, they were declared dead on May 8th 1945, the day of German unconditional surrender.

For our yearly “tripping stone care”, we went to the “Vorderer Rebstock”[ii], the place where the family lived voluntarily for the last time. After the first rejected request, the council finally agreed to the laying of the “Stolpersteine” (tripping stones) in 2011. Since then, the Mons-Tabor Highschool, Heinrich-Roth-Realschule, Anne-Frank-Realschule and the Landesmusikgymnasium have adopted the stones and therefore have actively kept the memories alive, just like we do today by looking after them. 

After treating the brasses with a paste and waiting for it to act upon it, we are sitting on a bench[iii] and looking through some documents that were found in the municipal archive that show us more insights into the family’s life. Finding documents about Jewish people being murdered by the Nazis is not easy at all as only some could be rescued from destruction. The files were probably burned in the Night of Broken Glass, the ones with further information about the NSDAP were destroyed, such as some incriminated material, for blurring the traces. Because of that few documents of that period of time about the Jewish inhabitants of Montabaur, a systematic purge of archival materials at the end of World War II. seems very likely. Furthermore, only some information from and about contemporary witnesses are sustained.

But still, the lives and the deaths of several people can be reconstructed from scattered remaining files and documentations. For their memory, the people walking by should recognize the tripping stones again after the care[iv] they received from us:

Albert Kahn is born[v] on March 10th 1874 in Montabaur as the son of David and Adelheid Kahn (née Wolf). His twin brother Louis dies six months after their birth. From 1880 on, he attends elementary school[vi] and does a commercial apprenticeship after his graduation. He marries Sybilla (“Billa”) Wolff in 1907 who is born in Kobern near the Mosel on March 26th 1882 as a daughter of Isaak and Helene Wolff (née Mayer).

As a list of the residents[vii] of their house from 1917 shows, they live in “Vorderer Rebstock 24” with their children Erna (*1908), Ernst (*1910) and Werner (*1916).

The family is part of the Jewish community in Montabaur that has 72 participants in 1933 and therefore is a minority in the Catholic environment. Albert Kahn is even the chairman of the community for some years.

We recognize that husband and wife are both mentioned in the resident’s book[viii] of the Westerwald region as business people and even own one of may be 100 telephone connections that existed back in the days in Montabaur.

The Jewish community in the town takes part in gymnastic and carnival clubs and choirs, they participate at the firefighters and are friends and neighbours, as business people they are even part of the town council.

But some years later, due to years of discrimination by the national socialistic society and its laws, many Jews drew the obvious conclusion and emigrated. But not before the frightening scenario in the Night of Broken Glass in November 1938 and the following cruel treatment inside the concentration camp Buchenwald, Albert Kahn believed in such a long reign of the Nazis in Germany and also was convinced that he, as a soldier of World War I., could escape from the systematic persecution of Jews. He regretted deeply to not have advised his sons to leave the country earlier.

As from Germans so labelled Jews, Albert and Billa Kahn are forced to add “Israel”[ix] or “Sara”[x], to their first names in early 1939. Another year later they are moving into Albert’s brother Leopold’s house, who is living just around the corner. Their own house is being rented, but the rent is payed onto a blocked account[xi], so the family does not have any access to the money anymore. That is why the house needs to be sold at last, but only for 45% of its actual worth.

The last remaining Jews of Montabaur are pledged to do compulsory labour in Friedrichssegen near Lahnstein in the same year and therefore are forced to move[xii] another time. The couple is going to pass the next years in this last ghetto in the Westerwald-Lahn region before they are deported to Theresienstadt on September 1st 1942. Some weeks later they are brought into the extermination camp of Treblinka. The names of Albert and his wife Billa Kahn appear last on the lists of these transports[xiii] „XII/2 train Da 509“ with the numbers 1044/1045 and transport „Bs“ with the numbers 1073/1074.

Albert and Billa Kahn were victims of a personal and social tragedy, we were able to track with only few documents and files. We are beyond shock how debased a human life can become, even in the small town of Montabaur, where 25 people were deported and murdered by the Nazis.

Even their children’s fate is oppressive: Erna dies with her husband and daughter in a concentration camp, Werner and Ernst have to flee the country, leave their family behind and build up a new life[xiv].

We are proclaiming to pay attention to the tripping stones[xv], because we do not want this to happen again. Not only in Montabaur but in several cities as behind every little brass plate is an own frightening fate and destroyed life.

 

Download english documentation

 

Acquired from a work group of the „Landesmusikgymnasium Rheinland-Pfalz“, consisting of L. Brüggemeyer (also translater), S.-M. Kemnitzer, R. Wiesend and C.P. Beuttenmüller.

(Und warum in Englisch? Weil wir die Dokumentation im Austausch mit den Enkelinnen von Albert und Billa Kahn in Australien erarbeitet haben.)

Volkstrauertag AG

(BEU, 31.05.2016) Eine im Thema und in ihrer Langlebigkeit eher ungewöhnliche Arbeitsgemeinschaft unserer Schule beschäftigt sich seit Jahren mit der Gestaltung des Volkstrauertages auf der Kriegsgräberstätte in Montabaur. Dabei fügt sie sich zwar durchaus in das generelle Ziel des Geschichteunterrichts ein, die Schüler/innen neben der unterrichtlichen Vermittlung historischer Kenntnisse und Kompetenzen für das Erkennen von Bezügen zwischen Vergangenheit und Gegenwart auch in ihrer eigenen Lebensumwelt zu sensibilisieren, nutzt aber zusätzlich die großen musikalischen Möglichkeiten der an dieser Gedenkarbeit interessierten Schüler/innen.

Seit einer Wettbewerbsarbeit über die Toten des Soldatenfriedhofs Montabaur im Jahr 2002 beteiligen sich so immer neue Generationen von Schüler/innen des Landesmusikgymnasiums mit einer Kombination von historischem Gedenken und musikalischen Beiträgen an der Gestaltung der Gedenkfeier. Es ist zwar immer nur eine kleine Gruppe, die sich im August/September als temporäre „Arbeitsgemeinschaft Volkstrauertag“ zusammenfindet und sich an die Arbeit gegen das kollektive Vergessen macht. Aber anders als für viele Gleichaltrige ist für sie der Zweite Weltkrieg ein Thema, von dem sie sich betroffen fühlen, sei es aus historischem Interesse, sei es, weil aktuelle Kriege ein ständiges Thema der Medien sind, und Deutschland über die Auslandseinsätze der Bundeswehr aktiv an mehreren dieser Kriege beteiligt ist.

Am Anfang der Arbeit steht jedes Jahr die (didaktische) Frage, welches Thema wir als Grundidee bearbeiten wollen und danach die (methodischen) Überlegungen, wie wir unsere Gedanken dazu inszenieren. Zum Beispiel standen 2005 im Zentrum unserer Vorbereitungen die über 60 namentlich „Unbekannten Deutschen Soldaten“ dieser Kriegsgräberstätte. An der Gedenkfeier rückten wir ihre Gräber mit einem Suchscheinwerfer, der langsam über die Gräberreihen zog, ins Licht, und Isabel sang a capella Eric Bogles „No Man’s Land“.

Weit in der Champagne im Mittsommergrün
dort, wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh’n,
da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht. …

And did you leave a wife or a sweetheart behind,
In some faithful heart is your memory enshrined?
And, though you died back in 1916,
To that loyal heart are you forever nineteen?

Or are you a stranger, without even a name,
Forever enshrined behind some glass pane,
In an old photograph, torn and tattered and stained,
And fading to yellow in a brown leather frame?

So stellten wir unseren Beitrag seither jedes Jahr unter ein anderes Thema, erinnerten immer wieder an den Einzelnen unter den 1000 Toten, lasen aus Feldpostbriefen vor, machten uns Gedanken zu den jüngsten und den ältesten Toten und zu noch nach Kriegsende gestorbenen Soldaten, betonten die Unterschiedlichkeit der so homogen wirkenden Kriegsopfer, stellten die schwierige Frage nach Tätern und Opfern, verglichen die Grabsteine mit den an die unmenschliche Verfolgung von jüdischen Mitbürgern erinnernden „Stolpersteinen“, verdeutlichten 2014 die fatale Kontinuität des „Heldentods“ in den Todesanzeigen: 1914/18 „für Kaiser und Vaterland“ durch „Sturmangriff in Feindesland“, 1939/45 „für Großdeutschlands Zukunft“ bei „Kämpfen vor Leningrad“.

Und dieses Jahr, am Volkstrauertag im November 2016? Wie fast immer wird ein Teil der letztjährigen Gruppe den Kern einer neuen Arbeitsgemeinschaft bilden und sich die (didaktische) Frage stellen, welches Thema wir als Grundidee bearbeiten wollen und danach die (methodischen) Überlegungen anstellen, wie wir unsere Gedanken dazu inszenieren (siehe oben).
Oder könnte man die Reihenfolge ‘mal umdrehen?! Vorschlag von Manuel, der schon angekündigt hat, wieder dabei zu sein: „Wie wäre es, wenn wir jüngere Schüler/innen mit einbeziehen, 5./6. Klasse?“ Aber mit welchem Thema? Und mit welchen Aufgaben? … …?

Neu am LMG: die AG Geschichte ist Verbrechen auf der Spur

(PAB, 18.12.2015) Ermutigt durch das Beispiel ihrer früheren Mitschülerin Lisa Quernes, die, wie die überregionale Presse schreibt, mit ihrer Besonderen Lernleistung über Gertrud Stockhausen ein Opfer der NS-Krankenmorde „dem Vergessen entrissen“ („Rheinische Post“/Düsseldorf, 28. Juli 2015) und „unbekannte Dokumente entdeckt“ habe („Kölner Stadt-Anzeiger“, 28. Oktober 2015), fand sich im September 2015 eine Projektgruppe der MSS 12 zusammen, um die Biografien von drei Verfolgten der Nazi-„Euthanasie“ zu rekonstruieren, über die man fast nichts weiß. Gründungsmitglieder der AG Geschichte sind Matthea Born, Noa Hoffmann, Anna-Lena Kobiela, Konstantinos Papa und Anna Theis.

In seiner Gemeinschaftsarbeit beschäftigt sich das Forscher-Quintett 1. mit Berta Ebeling (1901-1941) aus Saarbrücken, die knapp zwei Wochen nach Beginn der Massenvergasungen in Hadamar umgebracht wurde. Ihre „Zwangstötung“ und ihr Name, erstmals 1953 in einer historischen Zeitschrift kurz erwähnt, sind spätestens seit Costa-Gavras? Spielfilm „Amen“ (2002) international bekannt. Doch noch nie hat jemand ihre (wahre) Geschichte aufgearbeitet. Das gilt 2. auch für Louise Issel (1860-1943), eine Rentnerin aus Hamburg. Sie starb in der „zweiten Mordphase“ in Hadamar und war die Schwiegermutter des Schriftstellers Hans Fallada. 3. rücken die Fünf Leben und Tod von Maria Rowek (1931-1943), einem kleinen Mädchen aus dem Ruhrgebiet, in den Fokus, auf das sie durch Hape Kerkelings Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft. Meine Kindheit und ich“ (2014) aufmerksam wurden.

Auf der Basis einer Vielzahl von neu ermittelten Quellen aus verschiedensten öffentlichen und Familien-Archiven leistet die Gruppe mit ihrem spannenden Projekt einen fundierten und originellen Beitrag zur Aufklärung über die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen, denen wie Berta Ebeling, Louise Issel und „Mariechen“ Rowek insgesamt rund 300.000 Menschen zum Opfer fielen.